Das Münchner Robotikunternehmen RobCo hat eine Bewertung von mehr als 1 Milliarde US-Dollar erreicht, umgerechnet mindestens rund 892 Millionen Euro. Damit gehört das 2020 gegründete Unternehmen inzwischen zu den europäischen Robotik-Startups mit Milliardenbewertung.
Interessanter als die Bewertung ist jedoch, was als Nächstes kommt: RobCo bereitet den Marktstart von Alfie vor, einem mobilen, zweiarmigen Industrieroboter mit selbstlernender Physical AI. Nach Angaben von CEO Roman Hölzl gegenüber Reuters haben mehrere Kunden bereits Alfie-Prototypen installiert.
Die kommerzielle Markteinführung ist für den 4. März 2027 in München geplant.
Die neue Transaktion ist nicht einfach eine 40-Mio.-Dollar-Finanzierung
Die Milliardenbewertung entstand im Rahmen einer neuen Aktientransaktion. RobCo erklärte, dass dabei sowohl neues Kapital in das Unternehmen fließt als auch langjährige Mitarbeitende einen Teil ihrer Anteile verkaufen können.
Das Wall Street Journal bezifferte das Volumen der gehandelten Aktien laut Reuters auf rund 40 Millionen US-Dollar. Wie viel davon tatsächlich neues Kapital für RobCo ist und wie viel auf Secondary-Verkäufe bestehender Anteilseigner entfällt, wurde nicht veröffentlicht.
Zu den bestehenden Investoren gehören Sequoia, Lightspeed, Greenfield, Kindred, Lingotto und Promus Ventures. Neu hinzugekommen sind unter anderem Cherry Ventures und European Tech Collective. RobCo hatte erst im Januar weitere 100 Millionen Dollar eingesammelt und spricht inzwischen von insgesamt knapp 200 Millionen Dollar eingeworbenem Kapital.
Alfie soll dort arbeiten, wo klassische Automation zu starr ist
Im Mittelpunkt steht Alfie. Anders als ein klassischer Humanoid besitzt das System keine zwei Beine, sondern eine mobile Basis und zwei Roboterarme. RobCo positioniert ihn als Autonomous Industrial Robot für Fabriken.
Die Zielaufgaben sind Maschinenbeschickung, Montage, Materialhandling, Picking, Kitting und Palettierung. Entscheidend ist dabei weniger die Körperform als die Fähigkeit, mit wechselnden Teilen, Behältern und Arbeitsabläufen umzugehen.
RobCo beschreibt Alfie als selbstlernendes Physical-AI-System, das Wahrnehmung, Entscheidungsfindung und beidhändige Manipulation verbindet. Statt bei jeder Produktvariante vollständig neu programmiert zu werden, soll sich der Roboter an neue Objekte und Workflows anpassen.
Das bringt Alfie in dieselbe grundlegende Entwicklung wie Humanoide: Robotik soll von fest programmierten Bewegungsabläufen zu Systemen wechseln, die variablere Arbeit lernen können. Die Hardware muss dafür nicht zwingend menschenähnlich sein.
Erste Prototypen stehen bereits bei Kunden
RobCo hatte Alfie im April erstmals öffentlich gezeigt und damals erste Kundeneinsätze für später im Jahr angekündigt. Inzwischen ist das Projekt einen Schritt weiter.
Hölzl sagte Reuters, mehrere Kunden hätten bereits einen Prototyp installiert. Auf der aktuellen Produktseite schreibt RobCo ebenfalls, Alfie werde gemeinsam mit ausgewählten Herstellern unter realen Bedingungen betrieben.
Öffentlich sind bislang allerdings weder die Namen dieser Alfie-Kunden noch Stückzahlen, Laufzeiten oder Erfolgsraten der einzelnen Anwendungen. Die Installationen sind deshalb ein wichtiger Deployment-Schritt, aber noch kein Nachweis dafür, dass das neue System bereits in größerem Maßstab kommerziell funktioniert.
Genau diese Betriebsdaten werden langfristig wichtiger als die Milliardenbewertung. Bei anderen industriellen Robotikplattformen verschiebt sich der Wettbewerb ebenfalls zunehmend auf reale Laufzeiten und Zuverlässigkeit. Agility Robotics nennt für seine bisherigen Digit-Systeme beispielsweise mehr als 65.000 Betriebsstunden.
RobCo expandiert in die USA, produziert aber weiter in Deutschland
Parallel verlagert RobCo einen Teil seines Wachstumsfokus in die USA. CEO Roman Hölzl ist inzwischen selbst dorthin gezogen. Das Unternehmen bezeichnet die USA als seinen derzeit am schnellsten wachsenden Markt und betreut Kunden in mehr als einem Dutzend Bundesstaaten.
Trotzdem entfallen laut Hölzl noch rund 70 Prozent des Geschäfts auf Europa. Fertigung und Montage sollen weiterhin in Deutschland bleiben, ergänzt durch Montagekapazitäten in Austin und ein Robotiklabor in San Francisco.
Damit folgt RobCo einer anderen Skalierungsstrategie als viele Humanoid-Startups. Das Unternehmen kommt bereits aus klassischer Industrieautomation und versucht nun, seine bestehende Kundenbasis in Richtung autonomer Physical AI zu erweitern.
Das ist auch vor dem Hintergrund steigender Automatisierungsinvestitionen interessant. Toyota rechnet langfristig mit einem Bedarf von rund 400.000 Robotern innerhalb des eigenen Produktionsnetzwerks und bei wichtigen Zulieferern. Solche Größenordnungen umfassen weit mehr als Humanoide und zeigen, dass spezialisierte autonome Systeme ebenfalls einen großen Markt adressieren können.
Der eigentliche Test beginnt vor dem Marktstart
Alfie soll offiziell erst im März 2027 kommerziell starten. Dass bereits vorher Prototypen bei Kunden stehen, ist deshalb relevanter als ein weiterer Messe-Demo.
Nun muss sich zeigen, ob das selbstlernende System in realen Fabriken tatsächlich genügend Variabilität beherrscht, ohne dass Integrations- und Betreuungsaufwand den wirtschaftlichen Vorteil wieder aufzehren.
Die Milliardenbewertung signalisiert hohe Erwartungen an diese Entwicklung. Ob sie gerechtfertigt ist, wird sich weniger an der Zahl installierter Prototypen entscheiden als daran, ob aus diesen Tests wiederholbare Deployments bei mehreren Kunden werden.
