Siemens öffnet fünf Fabriken in China für die Erprobung von Physical AI unter realen Produktionsbedingungen. Das Unternehmen hat auf der China International Industry Fair (CIIF 2026) in Shanghai sechs industrielle Aufgabenfelder vorgestellt, in denen Roboter und KI-Systeme gemeinsam mit Entwicklungspartnern getestet und weiterentwickelt werden sollen.
Die am 12. Oktober konkretisierte Initiative reicht von der Materialsortierung über präzises Schrauben bis zur Verpackung. Bereits im September hatte Siemens sechs Anwendungsszenarien angekündigt. Neu ist die Bestätigung, dass dafür Produktionsumgebungen in fünf chinesischen Werken zur Verfügung stehen.
Im Mittelpunkt steht damit weniger die Präsentation neuer Robotermodelle als eine Frage, die für die gesamte Humanoidenindustrie an Bedeutung gewinnt: Wie lassen sich KI-gesteuerte Roboterfähigkeiten unter realen Fabrikbedingungen zuverlässig überprüfen und auf andere Produktionslinien übertragen?
Sechs Aufgaben aus der industriellen Praxis
Siemens hat sechs Anwendungsbereiche definiert, die in den fünf Fabriken untersucht werden sollen:
- Sortieren ungeordneter Materialien und präzises Zuführen von Bauteilen
- Autonomer Transport und innerbetriebliche Bewegung von Materialbehältern
- Automatisches Entpalettieren und Palettieren
- Prozessbearbeitung und Qualitätsprüfung
- Hochpräzises Anziehen von Schrauben
- Flexibles Verpacken fertiger Produkte
Diese Aufgaben haben gemeinsam, dass sie in vielen Fabriken vorkommen, aber unterschiedliche Anforderungen an Wahrnehmung, Greifen, Bewegung und Prozesssteuerung stellen.
Beim Sortieren ungeordneter Teile muss ein Roboter beispielsweise Objekte in wechselnden Positionen erkennen und greifen. Beim Schrauben kommen zusätzlich präzise Positionierung, Kraftregelung und die Kontrolle des Drehmoments hinzu. Die Verpackung erfordert wiederum den Umgang mit unterschiedlichen Produktgrößen und Materialien.
Die sechs Bereiche sind laut Siemens für gemeinsame Tests mit Industrie- und Technologiepartnern vorgesehen. Welche Robotermodelle bereits in welchen Werken eingesetzt werden, wie viele Testsysteme vorgesehen sind und welche Erfolgsquoten erreicht wurden, hat das Unternehmen bislang nicht veröffentlicht.
Warum fünf echte Fabriken wichtiger sind als ein weiterer Demo-Parcours
Eine kontrollierte Demonstration auf einer Messe lässt sich vergleichsweise gut auf ein bekanntes Objekt, festgelegte Positionen und wiederholbare Abläufe optimieren. In einer laufenden Fabrik ändern sich dagegen Materialchargen, Behälterpositionen, Taktzeiten und Umgebungsbedingungen.
Genau diese Unterschiede will Siemens für das Training und die Validierung von Physical AI nutzbar machen. Entwickler sollen untersuchen können, ob eine Fähigkeit, die an einer Station funktioniert, auch auf anderen Linien und unter veränderten Bedingungen zuverlässig ausgeführt werden kann.
Für Robotikhersteller entstehen dadurch potenziell wertvolle Daten über Fehlgriffe, notwendige Korrekturbewegungen und Probleme bei der Integration in bestehende Automatisierungssysteme.
Der Ansatz passt zu einer breiteren Verschiebung im Robotikmarkt. Wie IDC in einer Analyse zur realen Robotiknachfrage feststellte, werden Stabilität, Betriebskosten und Return on Investment zunehmend zu zentralen Kriterien industrieller Robotikprojekte.
Die Öffnung von Testumgebungen ist allerdings noch kein Nachweis für einen erfolgreichen Dauerbetrieb. Siemens nennt bislang weder verbindliche Leistungsziele noch Ergebnisse abgeschlossener industrieller Tests aus den fünf Fabriken.
Siemens verbindet Roboter mit Maschinen und Produktionssoftware
Auf der CIIF demonstriert Siemens außerdem eine Lösung, bei der ein radbasierter humanoider Roboter mit einer CNC-Maschine interagiert. Über eine gemeinsame Steuerungs- und Flottenmanagementumgebung bewegt sich der Roboter zur Maschine, übernimmt die Handhabung eines Werkstücks und führt einen simulierten Beladevorgang aus.
Der technische Ansatz kombiniert unter anderem Siemens SIMOVE Fleet Manager mit industrieller Maschinensteuerung und digitaler Fabriksimulation. Die Demonstration zeigt die mögliche Integration unterschiedlicher Anlagenkomponenten, stellt aber keinen veröffentlichten Nachweis eines autonomen Produktionsbetriebs über mehrere Schichten dar.
Siemens ist zudem bereits in der Produktionsinfrastruktur anderer Humanoidenhersteller vertreten. In der neuen UBTECH-Fabrik in Liuzhou kommen Siemens-Technologien für digitale Fabrikplanung und Simulation zum Einsatz.
Parallel präsentierte Siemens auf der Messe mehr als 20 neue Automatisierungsprodukte, darunter 13 in China entwickelte Lösungen. Auch der Eigen Engineering Agent wurde erweitert: Nach Unternehmensangaben kann er bestimmte Schritte der automatisierten Projektstrukturierung und Antriebskonfiguration beschleunigen.
Ein neuer Industriestandard soll die Integration erleichtern
Die Öffnung der Fabriken wird von einer weiteren Initiative begleitet. Siemens hat gemeinsam mit dem chinesischen Forschungsinstitut für Instrumentierungs- und Messtechnik an der Veröffentlichung des nationalen Standards GB/T 47859-2026 mitgewirkt.
Der Standard definiert Modellierungsregeln für rekonfigurierbare Produktionssysteme. Ziel ist eine einheitlichere Beschreibung von Maschinenfunktionen, Zuständen und Abläufen, damit unterschiedliche Anlagen, Steuerungen und digitale Modelle leichter zusammenarbeiten können.
Für Physical AI ist diese Verbindung besonders relevant. Ein Roboter kann zwar mit eigenen Sensoren Objekte erkennen und greifen. Für einen produktiven Einsatz muss er aber auch wissen, wann eine Maschine bereit ist, welche Materialien benötigt werden und welche Sicherheitsbedingungen gelten.
Damit rückt neben dem KI-Modell auch die industrielle Integration in den Vordergrund. Für deutsche Automatisierungsunternehmen entstehen mögliche Geschäftsfelder bei Steuerungstechnik, digitalen Zwillingen, funktionaler Sicherheit und Produktionssoftware.
Die wirtschaftlichen Anforderungen zeigen sich auch an bestehenden Robotikplattformen. Agility Robotics arbeitet beispielsweise mit Digit 5 an der sicheren Zusammenarbeit von Humanoiden und Menschen. Neben der technischen Leistungsfähigkeit bleiben dabei Sicherheitsnachweise und zuverlässige Prozesse zentrale Voraussetzungen für den breiten Einsatz.
Siemens schafft mit den fünf chinesischen Fabriken zunächst zusätzliche reale Entwicklungs- und Testmöglichkeiten. Ob daraus wiederholbare Anwendungen mit messbaren Produktivitätsgewinnen entstehen, wird sich erst anhand der später veröffentlichten Betriebsergebnisse beurteilen lassen.
Quellen: Siemens China, 12. Oktober 2026, Siemens: Vorankündigung vom 21. September 2026 und Siemens CIIF 2026: Veranstaltungsprogramm.
