Zalando lässt einen Teil seiner Retouren inzwischen von KI-gesteuerten Robotern bearbeiten. An Logistikstandorten von CEVA Logistics in Greven in Deutschland und Świebodzin in Polen sind dualarmige Robotersysteme des Stuttgarter Unternehmens Sereact in den laufenden Betrieb gegangen.
Die Roboter greifen, erkennen und sortieren zurückgesendete Kleidungsstücke autonom. Grundlage ist Sereacts Physical-AI-Plattform Cortex. Nach Angaben der beteiligten Unternehmen benötigen die Systeme weder ein Training für jeden einzelnen Artikel noch vorab definierte SKU-Profile.
Damit geht die Zusammenarbeit über einen klassischen Demo- oder Laborversuch hinaus. Die Systeme arbeiten bereits im operativen Retourenprozess und bilden die erste Phase eines geplanten europäischen Rollouts.
Retouren sind für Roboter besonders schwierig
Retouren gehören zu den anspruchsvolleren Automatisierungsaufgaben in der Mode-Logistik. Anders als standardisierte Kartons oder identische Bauteile kommen Kleidungsstücke in sehr unterschiedlichen Zuständen zurück.
Sie können zerknittert, gefaltet, teilweise ausgepackt oder unterschiedlich positioniert sein. Form und Oberfläche verändern sich beim Greifen, und selbst Artikel mit derselben Produktnummer sehen im Behälter nicht immer gleich aus.
Klassische Automatisierung stößt bei solchen Situationen schnell an Grenzen, wenn Bewegungsabläufe oder Greifpunkte vorher für einzelne Produkte programmiert werden müssen.
Sereact versucht dieses Problem mit einem stärker generalisierten Ansatz zu lösen. Cortex soll bislang unbekannte Gegenstände anhand visueller Informationen erkennen und geeignete Greif- und Sortierbewegungen direkt ableiten.
Bei Zalando übernimmt das System damit repetitive Schritte im Retourenprozess. Mitarbeitende sollen sich stärker auf Stationsüberwachung, Ausnahmefälle und Qualitätskontrolle konzentrieren.
Sereact liefert die Systeme als Robotics-as-a-Service
CEVA setzt die Robotersysteme nicht als klassischen einmaligen Maschinenkauf ein. Die Lösung wird nach Angaben der Unternehmen über ein Robotics-as-a-Service-Modell bereitgestellt.
Damit verlagert sich ein Teil des wirtschaftlichen Risikos vom Kunden zum Anbieter. Für Logistikunternehmen wird entscheidend, ob ein Robotersystem dauerhaft genügend Durchsatz erreicht und zuverlässig genug arbeitet, um die laufenden Gebühren gegenüber manueller Arbeit oder klassischer Automatisierung zu rechtfertigen.
Wie viele Roboter aktuell in Greven und Świebodzin eingesetzt werden, haben Sereact, Zalando und CEVA nicht veröffentlicht. Auch konkrete Angaben zu Durchsatz, Kosten oder Einsparungen des Zalando-Einsatzes wurden bislang nicht genannt.
Die aktuelle Meldung belegt deshalb einen realen Deployment-Schritt, aber noch keine Wirtschaftlichkeit im großen Maßstab.
Zalando ist inzwischen auch Investor bei Sereact
Die Verbindung zwischen Zalando und Sereact geht inzwischen über die Nutzung der Technologie hinaus. Im Juli 2026 beteiligte sich Zalando als strategischer Investor an der Series-B-Finanzierungsrunde des Stuttgarter Robotikunternehmens.
Durch die zusätzliche Beteiligung wuchs die Finanzierungsrunde nach Angaben von Sereact auf insgesamt 116 Millionen US-Dollar.
Sereact erklärte damals, bereits mehr als 200 Systeme in Europa im Einsatz zu haben. Seine Cortex-Plattform habe zu diesem Zeitpunkt mehr als eine Milliarde Greifvorgänge unter realen Produktionsbedingungen verarbeitet. Diese Angaben beziehen sich auf die gesamte installierte Basis von Sereact und nicht speziell auf Zalando.
Die jetzt gestartete Retourenautomatisierung ist damit ein weiterer Schritt in einer engeren strategischen Zusammenarbeit. Nach Angaben der drei Unternehmen soll die Technologie perspektivisch auf weitere Retourenprozesse in Europa ausgeweitet werden.
Physical AI muss nicht humanoid sein
Für die Entwicklung von Physical AI ist der Einsatz auch deshalb interessant, weil Sereact genau dieselbe Grundidee verfolgt, die derzeit häufig im Zusammenhang mit humanoiden Robotern diskutiert wird: Ein Robotersystem soll nicht für jedes Objekt und jede Situation einzeln programmiert werden, sondern neue Situationen mit Hilfe eines generalisierten KI-Modells bewältigen.
Die Hardware bei Zalando ist allerdings nicht humanoid. Für die konkrete Aufgabe reichen zwei Roboterarme an einer stationären Arbeitszelle.
Das zeigt einen wichtigen Unterschied zwischen Physical AI und dem aktuellen Humanoid-Trend. Wenn eine Aufgabe in einer strukturierten Umgebung ohne Beine, Hände in menschlicher Form oder einen vollständigen humanoiden Körper gelöst werden kann, kann spezialisierte Hardware wirtschaftlich sinnvoller sein.
Gerade für Humanoid-Hersteller entsteht daraus ein relevanter Vergleichsmaßstab. Entscheidend ist nicht, wie menschenähnlich ein Roboter aussieht, sondern ob seine zusätzliche Flexibilität in realen Prozessen einen Vorteil gegenüber einfacheren Robotersystemen bietet.
Vom Pilotprojekt in den laufenden Betrieb
Für Sereact ist der Zalando-Einsatz vor allem deshalb relevant, weil die Technologie nicht nur unter kontrollierten Bedingungen demonstriert wird. Die Systeme bearbeiten reale Retouren an zwei europäischen Logistikstandorten.
Noch fehlen Zahlen, mit denen sich der wirtschaftliche Effekt beurteilen lässt. Entscheidend werden deshalb der langfristige Durchsatz, die Zahl notwendiger manueller Eingriffe, die Verfügbarkeit der Anlagen und die Kosten pro bearbeitetem Artikel sein.
Der Einsatz zeigt aber bereits, wie Physical AI außerhalb humanoider Roboter kommerzialisiert werden kann: nicht über möglichst universelle Hardware, sondern über KI, die bestehende Roboter flexibler mit den unvorhersehbaren Bedingungen realer Arbeit umgehen lässt.
