Agility Robotics hat am 15. September die fünfte Generation seines humanoiden Roboters Digit vorgestellt. Digit 5 kann bis zu 23 Kilogramm tragen, soll mehr als 20 Stunden innerhalb eines Tages arbeiten können und erhält eine neue Sicherheitsarchitektur. Im Mittelpunkt steht dabei weniger ein neuer Bewegungsrekord als eine praktische Frage: Wie können Humanoide sicher direkt neben Menschen arbeiten?
Bislang werden Industrieroboter häufig durch Zäune, Sicherheitszonen oder separate Arbeitsbereiche von Mitarbeitern getrennt. Auch frühere Digit-Generationen arbeiten in realen Kundenumgebungen teilweise innerhalb solcher abgesicherten Workcells.
Mit Digit 5 will Agility diesen Ansatz verändern.
Sicherheit statt Schutzzaun
Agility spricht von „Cooperative Safety“. Digit 5 soll Menschen in seiner Umgebung erkennen und sein Verhalten entsprechend anpassen können.
Dafür kombiniert der Roboter eine separate Sicherheitssteuerung mit Funktionen zur Personenerkennung und definierten Sicherheitsreaktionen. Erkennt das System eine potenziell gefährliche Situation, soll Digit beispielsweise stoppen oder seine Position verändern können.
Ziel ist es, den Roboter in Fabriken und Logistikzentren näher neben Mitarbeitern und anderen Automatisierungssystemen einzusetzen, ohne dauerhaft auf klassische physische Barrieren angewiesen zu sein.
Agility bezeichnet Digit 5 als den ersten Humanoiden, der speziell für diese Form der kooperativen Sicherheit entwickelt wurde. Einige der dafür vorgesehenen Sicherheitsfunktionen befinden sich allerdings noch in Entwicklung.
23 Kilogramm Nutzlast und längere Einsatzzeiten
Neben der Sicherheit hat Agility auch die Hardware überarbeitet.
Digit 5 kann bis zu 23 Kilogramm tragen und Objekte in einer Höhe von bis zu 2,2 Metern erreichen. Austauschbare Greifer sollen es ermöglichen, den Roboter einfacher für unterschiedliche Aufgaben anzupassen.
Auch beim Verhältnis zwischen Arbeit und Laden gibt es einen deutlichen Sprung. Agility nennt für Digit 5 ein Run-to-Charge-Verhältnis von 10:1. Innerhalb eines 24-Stunden-Zeitraums soll der Roboter dadurch mehr als 20 Stunden produktiv arbeiten können.
Gerade für Logistik- und Produktionsbetriebe ist diese Kennzahl entscheidender als spektakuläre Bewegungen. Ein Roboter, der regelmäßig lange Ladepausen benötigt, kann bestehende Schichtmodelle nur schwer ersetzen oder ergänzen.
65.000 Stunden Erfahrung aus realen Einsätzen
Digit 5 startet zudem nicht bei null.
Die bisherigen Digit-Systeme haben laut Agility in kommerziellen Einsätzen bereits mehr als 65.000 Betriebsstunden gesammelt. Zu den Kunden und Partnern gehören Unternehmen wie GXO, Schaeffler und Toyota Motor Manufacturing Canada.
Diese realen Einsätze liefern Agility Daten darüber, wie sich Humanoide außerhalb kontrollierter Labore verhalten – etwa bei Materialtransport, wiederholten Arbeitsabläufen und im Zusammenspiel mit bestehenden Lager- und Produktionssystemen.
Digit 5 soll auf genau dieser Erfahrung aufbauen.
Die nächste Herausforderung ist weniger spektakulär
Die Entwicklung humanoider Roboter wurde in den vergangenen Jahren stark von Videos geprägt: Roboter laufen, springen, tanzen oder führen einzelne komplexe Aufgaben aus.
Digit 5 zeigt eine andere Richtung des Wettbewerbs.
23 Kilogramm Nutzlast oder ein längerer Betrieb sind wichtig. Noch entscheidender könnte jedoch sein, ob ein Humanoid über Tausende Stunden hinweg zuverlässig arbeitet und sich dabei sicher mit Menschen denselben Arbeitsraum teilen kann.
Genau hier liegt eine der schwierigsten Voraussetzungen für eine breitere industrielle Nutzung. Denn eine beeindruckende Demo lässt sich unter kontrollierten Bedingungen zeigen. Ein Roboter, der jeden Tag neben Mitarbeitern arbeitet, muss dagegen nicht nur intelligent und beweglich sein, sondern vor allem vorhersehbar, verfügbar und sicher.
Mit Digit 5 verschiebt Agility den Fokus deshalb ein Stück weiter von der Frage „Was kann ein Humanoid?“ hin zu der für Fabriken wesentlich wichtigeren Frage: „Kann man ihm im täglichen Betrieb vertrauen?“
