Agility Robotics öffnet die Bücher: 1,8 Millionen Dollar Umsatz bei 138 Millionen Dollar Verlust

Humanoider Roboter Digit von Agility Robotics im kommerziellen Einsatz bei GXO
Digit ist unter anderem in Logistikprozessen bei GXO kommerziell im Einsatz. Bild: Agility Robotics

Agility Robotics hat erstmals einen detaillierten Einblick in seine Finanzen gegeben. Im Zuge des geplanten Börsengangs über eine Fusion mit Churchill Capital Corp XI veröffentlichte der US-Hersteller des humanoiden Roboters Digit Anfang September seine geprüften Geschäftszahlen in einem Form-S-4-Dokument bei der US-Börsenaufsicht SEC.

Für 2025 weist Agility Nettoumsätze von 1,78 Millionen US-Dollar aus. Dem stand ein Nettoverlust von 138,1 Millionen Dollar gegenüber. Der operative Verlust lag mit rund 140,2 Millionen Dollar noch etwas höher.

Damit liefert das Unternehmen einen der bislang seltensten Einblicke in die tatsächliche wirtschaftliche Größenordnung eines spezialisierten Humanoid-Robotikherstellers.

Agility Robotics steigert den Umsatz von niedriger Basis

Im Vergleich zum Vorjahr ist der Umsatz zwar stark gewachsen. 2024 hatte Agility lediglich rund 310.000 Dollar Nettoumsatz erzielt. 2025 waren es knapp 1,8 Millionen Dollar – rechnerisch ein Plus von rund 474 Prozent.

Der absolute Umfang bleibt jedoch gering. Von den 1,78 Millionen Dollar entfielen rund 650.000 Dollar auf reguläre Kunden und etwa 1,13 Millionen Dollar auf sogenannte Related Parties. Damit kamen rund 64 Prozent der Umsätze aus Geschäftsbeziehungen mit verbundenen Parteien. Humanoids Daily
Der größte Teil des Umsatzes entstand laut Filing erstmals durch Robotikverkäufe. Für 2025 werden rund 1,55 Millionen Dollar Umsatz aus dem Verkauf von Robotern ausgewiesen, nachdem dieser Posten 2024 noch bei null gelegen hatte.

Die Zahlen zeigen damit zwei Entwicklungen gleichzeitig: Agility beginnt, mit Digit tatsächlich kommerziellen Umsatz zu erzielen – der Übergang von Pilotprojekten zu einem Geschäft in industrieller Größenordnung steht aber noch am Anfang.

Mehr als 90 Millionen Dollar fließen in Forschung und Entwicklung

Die hohen Verluste spiegeln vor allem die Entwicklungs- und Skalierungsphase des Unternehmens wider.

Allein für Forschung und Entwicklung gab Agility 2025 rund 91,6 Millionen Dollar aus. Insgesamt lagen die operativen Aufwendungen deutlich über dem Niveau des Vorjahres. Ende 2025 verfügte das Unternehmen noch über ungefähr 103 Millionen Dollar an liquiden Mitteln.

Im Zusammenhang mit dem geplanten Börsengang ist dieser Kapitalbedarf besonders relevant. Agility und Churchill hatten bereits im Juni eine Fusion angekündigt, bei der Agility mit einem Pre-Money Equity Value von 2,5 Milliarden Dollar bewertet wird.

Die Transaktion soll dem Unternehmen bei erfolgreichem Abschluss mehr als 620 Millionen Dollar Bruttoerlös bringen. Rund 200 Millionen Dollar davon sollen aus einer PIPE-Finanzierung stammen, die unter anderem von Foxconn angeführt wird.

Das zusätzliche Kapital soll insbesondere verwendet werden, um Digit V5 in größeren Stückzahlen zu produzieren, bestehende Aufträge auszuliefern und weitere kommerzielle Deployments aufzubauen.

300 Millionen Dollar Aufträge sind noch kein Umsatz

Besonders deutlich wird die aktuelle Phase des Geschäfts beim Vergleich zwischen Umsatz und Auftragsbestand.

Agility kommuniziert bereits seit Juni mehr als 300 Millionen Dollar an mehrjährigen Aufträgen für Digit V5. Diese Summe liegt um ein Vielfaches über den 2025 tatsächlich verbuchten Umsätzen.

Das ist zunächst kein Widerspruch: Ein Großteil des zukünftigen Geschäfts soll über ein Robots-as-a-Service-Modell laufen. Dabei wird der Umsatz nicht beim Vertragsabschluss vollständig verbucht, sondern entsteht schrittweise während der tatsächlichen Bereitstellung und Nutzung der Roboter.

Das aktuelle Filing macht allerdings deutlich, wie konzentriert dieser Auftragsbestand bislang ist. Nach Angaben in den Unterlagen entfällt der wesentliche Teil des gemeldeten Volumens auf einen Vertrag über 1.000 Digit-v5-Systeme mit einer Laufzeit von drei Jahren. Der Kunde wird dabei als verbundene Partei ausgewiesen.

Für die Beurteilung des Geschäfts wird daher entscheidend sein, wie schnell Agility diesen Auftragsbestand in tatsächlich ausgelieferte Roboter und wiederkehrende Umsätze umwandeln kann.

Digit ist bereits in realen Unternehmen im Einsatz

Der niedrige Umsatz bedeutet allerdings nicht, dass Digit ausschließlich im Labor eingesetzt wird.
Agility nennt unter anderem GXO, Toyota Motor Manufacturing Canada, Schaeffler, Amazon und Mercado Libre als Unternehmen, bei denen Digit bereits eingesetzt wurde oder entsprechende Projekte bestehen. Insgesamt spricht das Unternehmen von mehr als 65.000 Betriebsstunden an neun Kundenstandorten.

Digit ist vor allem für Materialtransport in Logistik- und Produktionsumgebungen ausgelegt. Typische Anwendungen bestehen bislang darin, Behälter oder andere Lasten zwischen verschiedenen Stationen zu bewegen.

Mit Digit v5 will Agility die Plattform weiter industrialisieren und insbesondere den sicheren Betrieb in unmittelbarer Nähe von Menschen ermöglichen.

Das Unternehmen betreibt dafür in Salem, Oregon, die RoboFab-Fabrik, deren langfristig ausgelegte Kapazität bei bis zu 10.000 Robotern pro Jahr liegt. Von einer Produktion auf diesem Niveau ist Agility derzeit allerdings noch deutlich entfernt.

Der Börsengang macht Humanoid-Robotik erstmals vergleichbarer

Die Veröffentlichung der Geschäftszahlen ist auch deshalb interessant, weil die meisten großen Humanoid-Unternehmen weiterhin privat gehalten werden.

Bei Unternehmen wie Figure, Apptronik oder 1X sind Finanzierungsrunden und Bewertungen öffentlich bekannt, Umsatz, Kostenstruktur und Cash-Verbrauch jedoch nur sehr begrenzt einsehbar.
Mit dem geplanten Börsengang von Agility verändert sich diese Situation. Sollte die Fusion abgeschlossen werden, müsste das Unternehmen künftig regelmäßig über Umsatz, Verluste, Cashflow und operative Entwicklung berichten.

Damit könnte Agility zu einem der ersten konkreten Benchmarks dafür werden, wie sich die wirtschaftliche Entwicklung eines spezialisierten Humanoid-Herstellers tatsächlich vollzieht.

Entscheidend ist jetzt die Umwandlung von Aufträgen in Umsatz

Ein Nettoverlust von 138 Millionen Dollar bei weniger als zwei Millionen Dollar Jahresumsatz zeigt, wie kapitalintensiv die heutige Humanoid-Robotik noch ist. Gleichzeitig wäre es zu kurz gegriffen, daraus bereits auf die langfristige Wirtschaftlichkeit des Geschäftsmodells zu schließen: Agility befindet sich noch in einer Phase, in der Entwicklung, Produktionsaufbau und Kundeneinführung den Großteil der Kosten verursachen.

Der wichtigste Indikator dürfte deshalb in den kommenden Jahren weniger die aktuelle Umsatzhöhe sein als die Frage, wie schnell sich die mehr als 300 Millionen Dollar an angekündigten Aufträgen in ausgelieferte Digit-Systeme und wiederkehrende Einnahmen übersetzen lassen.

Genau darin liegt auch die größere Bedeutung des Börsengangs für die Branche: Zum ersten Mal könnte ein führender Humanoid-Anbieter regelmäßig öffentlich zeigen müssen, ob sich die großen Erwartungen an Physical AI tatsächlich in ein skalierbares Geschäft verwandeln.