ANYmal X von ANYbotics bei einer autonomen Inspektion in einer explosionsgefährdeten Industrieanlage.
Der vierbeinige Inspektionsroboter ANYmal X wurde für explosionsgefährdete Industrieanlagen entwickelt. ANYbotics hat im Oktober 2026 mit der Auslieferung an Kunden wie Equinor und DSM-Firmenich begonnen. Bild: ANYbotics.

ANYbotics liefert ANYmal X aus: Roboter inspiziert explosionsgefährdete Anlagen

Das Schweizer Robotikunternehmen ANYbotics hat am 27. Oktober 2026 den Beginn der Kundenauslieferungen seines vierbeinigen Inspektionsroboters ANYmal X bekannt gegeben. Zu den ersten Abnehmern gehören der norwegische Energiekonzern Equinor und das Schweizer Unternehmen DSM-Firmenich. Der Roboter wurde speziell für autonome Kontrollgänge in explosionsgefährdeten Industrieanlagen entwickelt.

ANYmal X soll Bereiche in Öl-, Gas- und Chemieanlagen inspizieren, in denen explosionsfähige Atmosphären auftreten können. Dazu gehören Anlagen mit brennbaren Gasen, engen Laufwegen und Treppen, die für Menschen nur unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen zugänglich sind.

Der Schritt von der Erprobung zur Kundenauslieferung ist für ANYbotics ein kommerzieller Meilenstein. Seit 2023 hatten Unternehmen wie BP, Equinor, Shell, PETRONAS, Petrobras, BASF und SLB den Roboter im Rahmen eines Early-Access-Programms bei Hunderten Einsätzen an Land und auf Offshore-Anlagen getestet.

Wie viele ANYmal-X-Geräte bereits ausgeliefert wurden und wie viele davon im regulären Dauerbetrieb stehen, veröffentlichte ANYbotics nicht.

Inspektionen in explosionsgefährdeten Bereichen der Zone 1

In Öl- und Chemieanlagen befinden sich zahlreiche kritische Komponenten in Bereichen mit möglicher Explosionsgefahr. Pumpen, Ventile, Verdichter und Rohrleitungen müssen regelmäßig kontrolliert werden, auch wenn der Zugang für Menschen mit zusätzlichen Risiken verbunden ist.

ANYmal X wurde für solche Umgebungen konstruiert und ist nach Angaben des Herstellers gemäß ATEX und IECEx bis zur Gasgruppe IIB in Zone 1 zertifiziert.

Zone 1 bezeichnet Bereiche, in denen bei normalem Betrieb gelegentlich eine explosionsfähige Gasatmosphäre auftreten kann. Elektrische Geräte und Maschinen müssen dort besondere Anforderungen erfüllen, damit sie keine Zündquelle darstellen.

Bei einem mobilen Roboter ist das besonders anspruchsvoll. Leistungsstarke Antriebe, Batterien, Sensoren und Computer können Wärme entwickeln. Gleichzeitig muss die Maschine leicht genug bleiben, um Treppen zu steigen und sich auf industriellen Laufwegen zu bewegen.

ANYbotics entwickelte dafür spezielle Schutzmaßnahmen. Dazu gehören druckfeste Gehäuse für die zwölf Beinaktuatoren und die Batterie, geschützte Elektronikkammern sowie Systeme zur Temperaturüberwachung und automatischen Abschaltung.

Weitere Details zur Sicherheitsarchitektur beschreibt das Unternehmen in seiner offiziellen Markteinführungsmitteilung.

Die Zertifizierung gilt für den vorgesehenen Einsatzbereich und die spezifizierten Bedingungen. Sie bedeutet nicht, dass der Roboter ohne weitere Prüfung in jeder Art explosionsgefährdeter Umgebung eingesetzt werden darf.

Wärmebilder, Geräusche und Gase statt manueller Kontrollgänge

ANYmal X kombiniert autonome Navigation mit mehreren Inspektionssensoren. Eine optische Kamera ermöglicht die visuelle Kontrolle von Anlagenkomponenten, während eine Wärmebildkamera Temperaturveränderungen erfassen kann.

Zusätzlich können akustische Messungen und ein optionales Gassensorsystem eingesetzt werden. So lassen sich Hinweise auf ungewöhnliche Betriebsgeräusche, Überhitzung oder mögliche Leckagen erfassen.

Der Roboter bewegt sich auf vier Beinen durch die Anlage und soll auch Gittertreppen, schmale Laufwege sowie unebene oder rutschige Böden bewältigen.

Eine wichtige Aufgabe ist die wiederholbare Datenerfassung. Während menschliche Kontrollgänge je nach Personal und Situation unterschiedlich dokumentiert werden, kann der Roboter bestimmte Messpunkte auf definierten Routen wiederholt anfahren.

Damit können Betreiber Veränderungen an denselben Anlagenkomponenten über längere Zeit beobachten. Die Daten ersetzen jedoch nicht automatisch die technische Bewertung durch qualifiziertes Instandhaltungspersonal.

Shift verbindet Roboterinspektionen mit der Instandhaltung

ANYmal X wird nicht als isoliertes Hardwareprodukt angeboten. Der Roboter ist Teil der Inspektionsplattform Shift, die Missionen plant, Messergebnisse verwaltet und mit bestehenden Industriesystemen verbindet.

Unternehmen können damit vorgeben, welche Anlagenkomponenten zu welchen Zeitpunkten kontrolliert werden sollen. Die Plattform ordnet Ergebnisse einzelnen Anlagenobjekten zu und kann Hinweise auf auffällige Messwerte an Wartungssysteme weiterleiten.

ANYbotics nennt unter anderem Schnittstellen zu SAP, Yokogawa und SLB. Über die Shift API können externe Systeme Inspektionsaufträge auslösen und Ergebnisse zurückerhalten.

Der Hersteller berichtet, dass mehr als 50 Kunden aus Energie, Metall- und Werkstoffindustrie seine bestehende Inspektionslösung nutzen und damit monatlich über 120.000 autonome Inspektionen durchführen.

Diese Zahlen beziehen sich auf die gesamte etablierte ANYbotics-Inspektionsplattform und dürfen nicht allein ANYmal X zugerechnet werden. Die bisherige Kundenbasis umfasst auch andere ANYmal-Versionen.

Von Testmissionen zur kommerziellen Auslieferung

Die Auslieferung an Equinor und DSM-Firmenich ist ein konkreter Fortschritt gegenüber den bisherigen Erprobungen. Unternehmen erwerben nun ein für die vorgesehenen Ex-Zonen entwickeltes Inspektionssystem, das in ihre bestehenden Wartungsprozesse integriert werden soll.

Für Betreiber sind dabei vor allem drei Faktoren relevant: Wie viele gefährliche Kontrollgänge lassen sich ersetzen, wie zuverlässig werden technische Auffälligkeiten erkannt und welcher Aufwand entsteht für Wartung und Betrieb des Roboters selbst?

Die wirtschaftliche Bewertung lässt sich bislang nur begrenzt vornehmen. ANYbotics veröffentlichte weder den Preis von ANYmal X noch genaue Kundenstückzahlen, Ausfallraten oder eine unabhängig geprüfte Amortisationsrechnung.

Für die deutsche Chemie- und Prozessindustrie ist der Ansatz dennoch besonders relevant. Auch dort gehören Explosionsschutz, Anlagensicherheit und die Verfügbarkeit kritischer Komponenten zu den zentralen Anforderungen.

Ein Vorteil vierbeiniger Systeme liegt darin, dass sie bestehende industrielle Laufwege nutzen können. Anders als stationäre Sensoren können sie an wechselnden Messpunkten arbeiten, ohne dass für jeden Kontrollort eine eigene feste Installation erforderlich ist.

ANYmal X zeigt damit eine spezialisierte Form von Physical AI, bei der nicht menschenähnliche Manipulation, sondern autonome Wahrnehmung und sichere Fortbewegung den kommerziellen Nutzen bestimmen.

Der nächste Nachweis wird aus dem regulären Kundenbetrieb kommen: dokumentierte Inspektionszahlen, Verfügbarkeit in Ex-Zonen und die tatsächliche Verringerung gefährlicher manueller Kontrollgänge.