Boston Dynamics hat erstmals ausführlicher gezeigt, wie sein humanoider Roboter Atlas in der eigenen Prototypenfertigung hergestellt, montiert und repariert wird. In einem am 14. Oktober 2026 veröffentlichten Video erklärt das Unternehmen, wie eng Konstruktion, Präzisionsbearbeitung und Montage zusammenarbeiten.
Eine besonders aufschlussreiche Zahl nennt Katie Conner, Senior Technical Program Manager bei Boston Dynamics: Der Zusammenbau eines Roboters dauert derzeit ungefähr einen Tag. Bis 2027 soll sich diese Zeit auf etwa eine Stunde verkürzen. Langfristig strebt das Unternehmen noch kürzere Montagezeiten an.
Die Angabe beschreibt einen Prozess in der Prototypenfertigung. Sie bedeutet weder, dass Boston Dynamics aktuell nur einen Atlas pro Tag produzieren kann, noch dass bereits eine Serienfertigung mit einem Roboter pro Stunde existiert.
Warum Boston Dynamics wichtige Teile selbst fertigt
Das neue Video mit dem Titel „Machine, Assemble, Repair: How We Build Atlas“ zeigt die Arbeit der sogenannten Prototype Operations, kurz ProtoOps.
Anders als bei einer klassischen Produktionslinie konzentriert sich das Team auf die schnelle Umsetzung und Verbesserung neuer Konstruktionen. Mechanische Komponenten werden teilweise direkt im Unternehmen bearbeitet. Die Teams für Fertigung, Montage und Reparatur arbeiten räumlich eng zusammen.
Dadurch können technische Probleme schneller erkannt und Änderungen unmittelbar in neue Bauteile übertragen werden.
Gerade bei einem humanoiden Roboter ist dieser Prozess aufwendig. Atlas kombiniert zahlreiche bewegliche Gelenke, Präzisionsantriebe, Sensoren und komplexe mechanische Verbindungen. Bereits kleine Änderungen an einzelnen Komponenten können Auswirkungen auf Montage, Wärmeentwicklung und Wartung haben.
Die interne Fertigung erlaubt es Boston Dynamics, neue Konstruktionen zunächst ohne lange Abstimmungen mit externen Zulieferern zu testen.
Für eine spätere Großserienproduktion reicht diese Flexibilität allerdings nicht aus. Dort müssen Bauteile mit gleichbleibender Qualität, vorhersehbaren Kosten und möglichst geringen Ausschussquoten hergestellt werden.
Von einem Tag auf eine Stunde: Was das Ziel tatsächlich bedeutet
Die von Boston Dynamics angekündigte Verkürzung der Montagezeit wäre ein wichtiger Fortschritt bei der Industrialisierung von Atlas.
Bei der Prototypenmontage entstehen viele Arbeitsschritte durch individuelle Anpassungen, Nacharbeiten und die laufende Weiterentwicklung der Konstruktion. Eine stärker standardisierte Fertigung kann solche Schritte reduzieren.
Dafür müssen Bauteile montagegerecht konstruiert, Prüfabläufe vereinheitlicht und einzelne Arbeitsschritte besser aufeinander abgestimmt werden.
Eine Montagezeit von einer Stunde ist jedoch nicht mit einer vollständigen Produktionszykluszeit gleichzusetzen. Die Herstellung der Einzelteile, Zulieferprozesse, Qualitätskontrolle und abschließende Funktionstests können zusätzliche Zeit beanspruchen.
Ebenso wenig lässt sich aus der Montagezeit unmittelbar eine Jahreskapazität berechnen. Dafür wären Angaben zur Anzahl der Montagestationen, Schichten, Mitarbeiter und tatsächlichen Auslastung erforderlich.
Die Herausforderung ist branchenweit relevant. Wie Humanoid Insider in einer Analyse zur Serienproduktion humanoider Roboter erläutert, können Präzisionsgetriebe, Aktuatoren und aufwendige Fertigungsprozesse entscheidende Kostenfaktoren sein.
Montage und Reparatur gehören zusammen
Boston Dynamics zeigt im neuen Video nicht nur die Herstellung neuer Roboter, sondern auch die Reparatur bereits vorhandener Systeme.
Das ist für die kommerzielle Robotik besonders wichtig. Ein humanoider Roboter muss über seine Nutzungsdauer zahlreiche Wartungs- und Reparaturarbeiten überstehen. Sind dafür umfangreiche Demontagen oder Spezialwerkzeuge erforderlich, können die Betriebskosten erheblich steigen.
Bereits während der Entwicklung lassen sich deshalb Konstruktionen auf bessere Zugänglichkeit, austauschbare Komponenten und kürzere Reparaturzeiten optimieren.
Für industrielle Kunden zählt letztlich nicht nur, wie schnell ein Roboter hergestellt wird. Ebenso wichtig sind seine Verfügbarkeit im täglichen Betrieb, die Wartungskosten und die Geschwindigkeit, mit der ein defektes System wieder einsatzbereit ist.
Das betrifft auch die Auswahl der Zulieferer. Ein günstiger Antrieb kann über seine Lebensdauer teurer werden, wenn er häufig ausfällt oder sich nur mit großem Aufwand austauschen lässt.
Hyundai bereitet industrielle Atlas-Einsätze vor
Die neue Produktionsperspektive passt zur Strategie des Mutterkonzerns Hyundai Motor Group.
Im September 2026 eröffnete Boston Dynamics das Robotics Metaplant Application Center (RMAC) auf dem Gelände des Hyundai-Werks im US-Bundesstaat Georgia.
Dort trainieren Atlas-Roboter bereits konkrete Aufgaben der Automobilproduktion, insbesondere das Sortieren und Bereitstellen von Bauteilen für die Montage.
Über das Atlas-Trainingszentrum bei Hyundai hat Humanoid Insider bereits berichtet.
Hyundai plant, Atlas ab 2028 schrittweise in die Automobilproduktion zu integrieren. Parallel verfolgt der Konzern den Aufbau einer Produktionsanlage mit einer geplanten Kapazität von bis zu 30.000 Robotern jährlich.
Auch diese Zahl ist ein zukünftiger Kapazitätswert, keine bereits erreichte Produktionsmenge.
Bevor Atlas in solchen Stückzahlen hergestellt und eingesetzt werden kann, müssen zwei unterschiedliche Prozesse zuverlässig funktionieren: die wiederholbare Produktion der Roboter selbst und ihre produktive Arbeit in den Fabriken.
Das neue Video liefert vor allem Einblicke in den ersten Bereich.
Der industrielle Wettbewerb beginnt vor dem ersten Arbeitseinsatz
Boston Dynamics gehört zu den technisch erfahrensten Entwicklern humanoider Roboter. Die neue Veröffentlichung zeigt jedoch, dass selbst ein etablierter Hersteller noch erheblichen Aufwand in Fertigungsprozesse und Montageeffizienz investieren muss.
Für die wirtschaftliche Skalierung werden künftig Kennzahlen wie Montagezeit, Fertigungskosten, Ausschuss, Reparaturdauer und tatsächlicher Produktionsausstoß immer wichtiger.
Ein internationaler Vergleich verdeutlicht die Dimension: Nach Daten der International Federation of Robotics wurden 2025 weltweit rund 7.000 humanoide Roboter für industrielle und professionelle Serviceanwendungen verkauft.
Die langfristigen Produktionspläne einzelner Hersteller liegen damit bereits deutlich über dem bislang erfassten Marktvolumen.
Boston Dynamics liefert mit seinem Einblick in die Atlas-Fertigung keine neuen Verkaufszahlen. Das Unternehmen zeigt vielmehr, welche technischen und organisatorischen Veränderungen notwendig werden, wenn aus einem komplexen Forschungsroboter ein industriell reproduzierbares Produkt entstehen soll.
Quellen: Boston Dynamics: Machine, Assemble, Repair – How We Build Atlas, 14. Oktober 2026; Boston Dynamics: Robotics Metaplant Application Center.
