NEURA und SECO wollen humanoide Roboter in Europa skalierbar produzieren

NEURA 4NE1 bei der Partnerschaft von NEURA Robotics und SECO
SECO-CEO Max Mauri und NEURA-Gründer David Reger mit dem humanoiden Roboter 4NE1. Bild: NEURA Robotics

Der humanoide Roboter NEURA 4NE1 soll künftig von einer engeren Zusammenarbeit zwischen NEURA Robotics und dem italienischen Technologieunternehmen SECO profitieren. Die beiden Unternehmen haben eine strategische Partnerschaft für die Industrialisierung von Physical AI geschlossen. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung und Fertigung elektronischer Rechenmodule für NEURAs kognitive Roboter – darunter auch der humanoide Roboter 4NE1.

SECO soll die entsprechenden Module gemeinsam mit NEURA entwickeln, technisch auslegen und produzieren. Als Prozessorplattform kommen Qualcomm-Dragonwing-Chips zum Einsatz. Ziel ist es, die Hardware so weit zu industrialisieren, dass sie zuverlässig und in größeren Stückzahlen für eine skalierbare Serienproduktion in Europa gefertigt werden kann.

Rechenleisting näher an Sensoren und Gelenken

NEURA setzt bei seinen Robotern auf eine dezentrale Computerarchitektur, die das Unternehmen als „Brain + Nervous System“ bezeichnet. Rechenleistung und Sensorverarbeitung sollen dabei nicht ausschließlich in einer zentralen Einheit stattfinden, sondern über verschiedene Bereiche des Roboters verteilt werden.

Mit dem sogenannten Smart-Limbs-Konzept rückt ein Teil der Verarbeitung näher an Gelenke, Sensoren und andere Komponenten. Dadurch sollen Entscheidungen mit geringer Latenz direkt im Roboter getroffen werden können – ein wichtiger Faktor, wenn Maschinen in unmittelbarer Nähe zu Menschen arbeiten.

Qualcomms Dragonwing-Plattform liefert hierfür die Edge-AI-Rechenleistung. SECO übernimmt vor allem die Aufgabe, daraus elektronische Module zu entwickeln, die sich industriell und in größeren Stückzahlen fertigen lassen.

NEURA 4NE1 als Teil der europäischen Produktionsstrategie

Eines der Systeme, das von der Zusammenarbeit profitieren soll, ist NEURAs humanoider Roboter 4NE1. Der rund 1,80 Meter große Roboter ist für Anwendungen in Industrie, Logistik und perspektivisch auch im Alltag konzipiert.

NEURA positioniert 4NE1 als Plattform für eine zunehmend flexible Automatisierung. Der Roboter soll sich in weniger strukturierten Arbeitsumgebungen bewegen, unterschiedliche Aufgaben verarbeiten und mit Menschen zusammenarbeiten können.

Die aktuelle Generation 4NE1 Gen 3.5 soll laut NEURA gegen Ende 2026 verfügbar werden. Das Unternehmen nimmt bereits Reservierungen entgegen.

Neue Anwendungen in der Halbleiterindustrie

Die Partnerschaft geht jedoch über die Hardware im Roboter hinaus. NEURA und SECO wollen auch gemeinsam Lösungen für die Halbleiter- und Elektronikfertigung entwickeln.

Dafür sollen reale Produktionsdaten aus industriellen Umgebungen gesammelt werden. Mit diesen Daten können Roboter neue Fertigungsabläufe lernen und Physical-AI-Systeme für komplexere Aufgaben trainiert werden.

Geplant ist außerdem ein sogenanntes NEURA Gym in Italien. Es wäre das erste Trainingszentrum des Unternehmens für Physical AI in Südeuropa. Dort sollen reale Daten und Erfahrungen aus industriellen Anwendungen in die Weiterentwicklung der Robotiksysteme einfließen.

Europa baut ein eigenes Physical-AI-Ökosystem auf

Für NEURA ist die Zusammenarbeit auch Teil einer breiteren europäischen Strategie. Das Unternehmen mit Sitz im baden-württembergischen Metzingen arbeitet bereits mit verschiedenen Technologie- und Industriepartnern an einem Ökosystem rund um intelligente Robotik.

Im März hatte NEURA beispielsweise eine langfristige Zusammenarbeit mit Qualcomm angekündigt. Gemeinsam mit der Technischen Universität München entsteht zudem am Münchner Flughafen ein großes Forschungs- und Trainingszentrum für Physical AI.

Einordnung: Europas industrielle Stärke könnte zum Vorteil werden

Die Partnerschaft zeigt einen möglichen Weg, wie Europa im Wettbewerb um humanoide Roboter eine eigene Position aufbauen kann. Während ein großer Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit derzeit auf Robotikunternehmen aus China und den USA gerichtet ist, verfügt Europa weiterhin über starke Kompetenzen bei industrieller Fertigung, Automatisierung und Embedded-Systemen.

Gleichzeitig zeigt die Zusammenarbeit auch, dass moderne Robotik zunehmend ein internationales Ökosystem erfordert: Der Roboter kommt aus Deutschland, die Industrialisierung der Rechenmodule aus Italien und die Prozessorplattform von Qualcomm aus den USA. Entscheidend dürfte deshalb weniger vollständige technologische Unabhängigkeit sein als die Frage, ob Europa seine industrielle Kompetenz schnell genug in skalierbare Physical-AI-Produkte übersetzen kann.