15 Roboter im EU-Parlament: Europa diskutiert die Zukunft von Physical AI

KI-basierter Roboter bei einer Demonstration zu Physical AI in Europa
Europäische Forschungsprojekte demonstrieren den Einsatz KI-basierter Robotik und Physical AI. Bild: Europäische Union

Am 2. September wurde das Europäische Parlament in Brüssel für einige Stunden zum Robotiklabor. Insgesamt 15 KI-basierte Robotersysteme aus europäischen Forschungseinrichtungen demonstrierten dort ihre Fähigkeiten – darunter humanoide Roboter, mobile Manipulatoren, Vierbeiner und weitere autonome Systeme.

Die Demonstration war Teil des Abschlussevents von euROBIN, dem von der EU über Horizon Europe geförderten europäischen Exzellenznetzwerk für KI-basierte Robotik. Rund 170 Vertreter aus Politik, Forschung und Industrie nahmen nach Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) an den Präsentationen und der anschließenden strategischen Diskussion teil.

Im Mittelpunkt stand dabei weniger die Frage, was einzelne Roboter heute bereits können. Diskutiert wurde vor allem, wie Europa seine starke Position in der Robotikforschung in eine international wettbewerbsfähige Physical-AI-Industrie überführen kann.

Physical AI wird im Parlament praktisch demonstriert

Zu den gezeigten Systemen gehörte auch der humanoide Forschungsroboter Rollin‘ Justin des DLR. Gemeinsam mit anderen Robotern demonstrierte er Aufgaben, bei denen Maschinen ihre Umgebung wahrnehmen, Gegenstände erkennen und selbstständig Aktionen ausführen müssen.

Die insgesamt 15 Systeme wurden in drei Anwendungsbereiche gegliedert.

Im Bereich der Kreislaufwirtschaft demonstrierten verschiedene Teams beispielsweise die automatisierte Demontage und Aufarbeitung von Elektronikprodukten. Dazu gehörten Laptops, Staubsaugerroboter und industrielle Manipulationsaufgaben.

Ein zweites Szenario konzentrierte sich auf Roboter als Unterstützung im Alltag. Vier Systeme arbeiteten gemeinsam daran, einen Frühstückstisch abzuräumen, Gegenstände zu erkennen und sie selbstständig in Kühlschrank, Schrank, Geschirrspüler oder Abfallbehälter zu sortieren.

Im dritten Bereich standen autonome Systeme für Outdoor- und Logistikanwendungen im Mittelpunkt, darunter verschiedene Konzepte für die automatisierte Paketzustellung.

Damit sollte Physical AI nicht lediglich als abstrakter Begriff präsentiert werden. Gemeint sind KI-Systeme, die nicht nur digitale Inhalte verarbeiten, sondern über Sensoren und Aktoren ihre physische Umgebung wahrnehmen und darin handeln können.

Europas Stärke liegt bislang vor allem in Forschung und Entwicklung

Europa verfügt über eine lange Tradition in Robotik und industrieller Automatisierung. Auch das euROBIN-Netzwerk zeigt die Breite dieser Forschungslandschaft: Sein Kernkonsortium umfasst 31 Organisationen aus 14 Ländern und 26 europäischen Städten.

An der Demonstration in Brüssel beteiligten sich unter anderem das DLR, Fraunhofer IPA, die Technische Universität München, das Karlsruher Institut für Technologie, ETH Zürich, das Italian Institute of Technology, Inria und PAL Robotics.

Die zunehmende Verbindung von moderner KI und Robotik verändert jedoch die Wettbewerbsbedingungen. Neben klassischer Mechatronik werden Trainingsdaten, KI-Modelle, Rechenleistung und die Fähigkeit zur industriellen Skalierung immer wichtiger.

Genau hier richtete sich die Diskussion im Europäischen Parlament auch auf die Frage, wie Forschungsergebnisse schneller in Produkte, Unternehmen und industrielle Anwendungen überführt werden können.

Die Europäische Kommission sieht in KI-basierter Robotik ebenfalls ein strategisch relevantes Feld und diskutiert eine stärker koordinierte europäische Initiative, die Innovation, industrielle Einführung und Investitionen beschleunigen soll.

Kann Robotik einmal mit Europas Autoindustrie vergleichbar werden?

Das DLR formuliert für die langfristige Entwicklung eine ausgesprochen große Perspektive: Innerhalb von zehn bis 15 Jahren könnte sich KI-basierte Robotik in Europa zu einem Industriezweig entwickeln, der in Größe und wirtschaftlicher Bedeutung mit der heutigen Automobilindustrie vergleichbar ist.

Das ist keine Marktprognose im engeren Sinne und auch kein beschlossenes EU-Ziel. Die Größenordnung zeigt jedoch, welche strategische Bedeutung Forscher und politische Akteure der Kombination aus KI und Robotik inzwischen beimessen.

Für Europa spielen dabei neben wirtschaftlichen Chancen auch technologische Souveränität, der demografische Wandel, industrielle Produktivität, Gesundheitsversorgung und nachhaltigere Produktionsprozesse eine Rolle.

Europas Herausforderung beginnt nach dem Labor

Die Demonstration im Europäischen Parlament zeigt, dass Europa bei Robotik weder technologisch noch wissenschaftlich bei null beginnt. Gerade bei industrieller Automatisierung, Manipulation, Robotikforschung und Mensch-Roboter-Interaktion verfügt die Region weiterhin über erhebliche Kompetenz.

Entscheidend dürfte jedoch sein, wie schnell aus dieser Forschungsstärke skalierbare Produkte und Unternehmen entstehen. Im Wettbewerb um Physical AI wird künftig nicht allein die Qualität einzelner Demonstrationen zählen, sondern auch die Fähigkeit, Systeme zuverlässig zu produzieren, reale Einsatzdaten zu sammeln und sie wirtschaftlich in größerer Stückzahl einzusetzen.

Für Europa könnte genau diese Verbindung aus vorhandener industrieller Basis und Robotikforschung zu einer Stärke werden – sofern der Übergang vom Forschungsprojekt zur industriellen Skalierung gelingt.