Wandercraft meldet 12 Kunden für humanoiden Roboter Calvin-40

Humanoider Roboter Calvin-40 von Wandercraft bei Renault in Douai
Calvin-40 übernimmt im Renault-Werk Douai Aufgaben in der Reifenlogistik. Bild: Renault Group

Der französische Robotikhersteller Wandercraft will den industriellen Einsatz seines humanoiden Roboters Calvin-40 deutlich ausweiten. Das Unternehmen teilte Anfang September mit, inzwischen zwölf Großkunden aus den Bereichen Automobilindustrie, Logistik, Handel, Gesundheitswesen und Verteidigungslogistik gewonnen zu haben.

Namen, Auftragsvolumen und geplante Stückzahlen der meisten Kunden nennt Wandercraft bislang nicht. Der bekannteste Referenzkunde bleibt Renault Group. Der französische Autobauer testet Calvin bereits im Werk Douai und plant, die Zahl der eingesetzten humanoiden Roboter bis Ende 2027 auf 350 Systeme in französischen und spanischen Werken zu erhöhen.

Calvin-40 startet mit Materialtransport

Wandercraft verfolgt bei Calvin-40 zunächst einen vergleichsweise klar abgegrenzten Ansatz. Statt möglichst viele menschliche Fähigkeiten gleichzeitig abzubilden, konzentriert sich der Roboter zunächst auf Aufgaben, bei denen körperliche Belastung und Materialtransport im Mittelpunkt stehen.

Dazu gehören der Umgang mit Reifen, Kartons, Paketen, größeren Bauteilen, Paneelen und Transportwagen. Als nächste Fähigkeiten entwickelt das Unternehmen unter anderem Picking- und Sortieraufgaben, die eine präzisere Manipulation erfordern.

Die Strategie dahinter: Calvin soll zuerst einzelne industrielle Aufgaben zuverlässig beherrschen. Daten und Erfahrungen aus diesen Einsätzen sollen anschließend dazu beitragen, das Aufgabenspektrum schrittweise zu erweitern.

Damit setzt Wandercraft einen etwas anderen Schwerpunkt als Anbieter, die einen möglichst universellen humanoiden Roboter von Beginn an in den Vordergrund stellen.

Bei Renault trägt Calvin rund 30 Kilogramm Reifen

Wie dieser Ansatz in der Praxis aussieht, zeigt das Renault-Werk Douai in Nordfrankreich. Dort arbeitet Calvin an einem Szenario aus der Reifenlogistik.

Der Roboter greift jeweils zwei Reifen und bewegt dabei zusammen ungefähr 30 Kilogramm. Ziel ist es, Beschäftigte von körperlich besonders belastenden und repetitiven Tätigkeiten zu entlasten. Renault nennt insbesondere schwere Lasten, scharfkantige Bauteile und wiederkehrende Bewegungsabläufe als mögliche Einsatzfelder für die neue Robotergeneration.

Nach Angaben des Autobauers kann Calvin grundsätzlich Lasten von etwa 40 bis 50 Kilogramm bewegen. Für die Balance nutzt der Roboter unter anderem inertiale Sensoren in den Gliedmaßen, Kraftsensoren unter den Füßen sowie eine RGBD-Kamera zur Wahrnehmung seiner Umgebung.

Renault betreibt bereits rund 11.000 klassische Industrieroboter in 23 Werken sowie Tausende fahrerlose Transport- und mobile Robotersysteme. Der Unterschied zu diesen Systemen soll vor allem in Calvins Flexibilität liegen: Ein humanoider Roboter könnte perspektivisch mehrere unterschiedliche Aufgaben innerhalb derselben Produktionsumgebung übernehmen.

Renault plant rund 350 Roboter bis Ende 2027

Die Einführung erfolgt allerdings schrittweise.

Renault nennt als Ziel zunächst rund zehn Calvin-Roboter bis Ende 2026. Bis Ende 2027 sollen schließlich etwa 350 Systeme in Werken in Frankreich und Spanien eingesetzt werden.

Die Zusammenarbeit geht dabei über den Einsatz der Roboter hinaus. Renault ist seit 2025 auch an Wandercraft beteiligt und bringt seine Erfahrung bei Produktion, Einkauf, Engineering und sogenanntem Design-to-Cost in die Partnerschaft ein. Wandercraft wiederum liefert Robotiktechnologie und Physical-AI-Kompetenz.

Damit soll nicht nur der Einsatz von Calvin in Renault-Werken ermöglicht werden. Die Automobilkompetenz des Konzerns soll Wandercraft auch dabei helfen, seine Roboter in größeren Stückzahlen und zu niedrigeren Kosten zu produzieren.

Zwölf Kunden sind noch keine zwölf Großflotten

Die aktuelle Kundenmeldung ist deshalb ein interessantes Kommerzialisierungssignal, sollte aber nicht mit zwölf groß angelegten Robotereinsätzen gleichgesetzt werden.

Wandercraft nennt weder die elf weiteren Organisationen neben Renault noch die Zahl der jeweils bestellten Roboter. Hinter einem „Kunden“ könnte deshalb ebenso ein begrenztes Pilotprojekt stehen wie ein später geplanter Flotteneinsatz.

Gleichzeitig erweitert das Unternehmen seine Zielmärkte deutlich. Neben Automobil- und Logistikanwendungen nennt Wandercraft inzwischen auch Einzelhandel, Gesundheitseinrichtungen und Verteidigungslogistik; perspektivisch sollen Bauwirtschaft und Landwirtschaft hinzukommen.

Europas interessantester Test findet in der Fabrik statt

Für die europäische Humanoid-Robotik ist Calvin vor allem deshalb interessant, weil Wandercraft nicht nur einen Roboter demonstriert, sondern gemeinsam mit einem großen europäischen Industriekonzern versucht, Produktion, Kosten und reale Einsatzprozesse gleichzeitig zu entwickeln.

Ob aus den zwölf Kunden tatsächlich größere Flotten entstehen, lässt sich derzeit noch nicht beurteilen. Der Renault-Einsatz dürfte deshalb der wichtigere Gradmesser sein: Gelingt es Calvin, sich dauerhaft in einer schnell getakteten Automobilproduktion zu bewähren, wäre das für die europäische Robotik ein deutlich stärkeres Signal als eine wachsende Zahl von Pilotprojekten.