Boston Dynamics hat am 3. November 2026 die zweite Generation seines mobilen Logistikroboters Stretch vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen eine höhere Zuverlässigkeit, weniger Wartungsaufwand und schnellere Reparaturen. Grundlage der Überarbeitung sind nach Herstellerangaben mehr als 100.000 Betriebsstunden und mehrere zehn Millionen Kartons, die Stretch in realen Kundenumgebungen entladen hat.
Stretch Gen 2 ist kein humanoider Roboter. Die Maschine kombiniert eine mobile Basis mit einem Roboterarm und einem Sauggreifer, um Kartons aus Lastwagen und Containern auf Förderanlagen zu bewegen. Sie wurde gezielt für eine körperlich belastende Aufgabe in der Logistik entwickelt.
Die zweite Generation zeigt, worauf es bei der Weiterentwicklung bereits kommerziell eingesetzter Roboter ankommt. Boston Dynamics hat weniger neue Demonstrationsfähigkeiten eingebaut als vielmehr Bauteile verändert, die im bisherigen Betrieb zu Störungen geführt haben.
81 Prozent weniger Kabel im Inneren
Eine der größten Änderungen betrifft die Verkabelung. Boston Dynamics hat die interne Kabellänge gegenüber der ersten Generation um 81 Prozent reduziert. Das Unternehmen spricht von ungefähr einer halben Meile entfernter Leitungen.
Bewegte Kabel und Steckverbindungen gehörten laut Hersteller zu den häufigen Ursachen zeitweiliger elektrischer Fehler. Beim Entladen von Kartons ist der Arm ständig in Bewegung. Wiederholtes Biegen, Vibrationen und mechanische Belastungen können dabei Verbindungen beschädigen.
Stretch Gen 2 verwendet deshalb robustere Steckverbinder aus dem Automobilbereich. Einige Gelenke können sich kontinuierlich über 360 Grad drehen, ohne an mechanische Endanschläge zu stoßen.
Auch der Sauggreifer wurde überarbeitet. Neue Ventile und genauere Sensoren sollen das Aufnehmen und Ablegen unterschiedlich positionierter Kartons stabiler machen.
Die Not-Aus-Taste sitzt nun tiefer und ist geschützt angeordnet. Neue Gehäusematerialien sollen verhindern, dass herunterfallende Kartons die Maschine unnötig stoppen oder äußere Bauteile beschädigen.
Ein kompletter Antriebswechsel soll nur noch eine Stunde dauern
Bei einem Roboter im Lager entscheidet nicht allein die Geschwindigkeit über die Wirtschaftlichkeit. Eine ausgefallene Maschine blockiert unter Umständen einen ganzen Entladeprozess.
Boston Dynamics hat deshalb die Wartung modularer gestaltet. Der Austausch einer vollständigen Schwenkfahrantriebseinheit soll nach Unternehmensangaben nun ungefähr eine Stunde benötigen. Bei der ersten Generation dauerte ein entsprechender Eingriff etwa einen Arbeitstag.
Standardisierte Verbindungselemente und neue Diagnosefunktionen sollen außerdem dafür sorgen, dass die Wartungsteams der Kunden mehr Arbeiten selbst durchführen können.
Ob sich die Stillstandszeiten dadurch insgesamt verringern, muss der Betrieb zeigen. Boston Dynamics hat bisher keine unabhängige Vergleichsstatistik zur Verfügbarkeit von Stretch Gen 1 und Gen 2 veröffentlicht.
Bis zu 1.000 Kartons pro Stunde
Für die neue Generation nennt der Hersteller eine maximale Entladeleistung von 1.000 Kartons pro Stunde.
Das System kann mehrere geeignete Kartons gleichzeitig greifen. Die tatsächliche Geschwindigkeit hängt allerdings stark vom Gewicht der Verpackungen und davon ab, wie regelmäßig sie gestapelt sind.
Die Batterie soll für zwei Arbeitsschichten ausreichen. Mit einem Schnellladegerät erreicht sie laut Hersteller innerhalb von etwa 75 Minuten einen Ladezustand von 90 Prozent.
Eine eingebaute Beleuchtung ermöglicht den Einsatz in dunklen Containern. Die vortrainierte Bilderkennung soll viele Verpackungstypen ohne aufwendige individuelle Programmierung identifizieren.
Die offizielle Produktmitteilung enthält bislang allerdings keine Angaben zum Preis, zu verbindlichen Bestellungen der zweiten Generation oder zu deren tatsächlicher Verfügbarkeit bei Kunden.
Erfahrungen aus großen Logistiknetzen
Stretch wird bereits bei Unternehmen wie DHL, Gap und Maersk eingesetzt. Auch beim deutschen Logistikdienstleister Hermes und bei Arvato wurden Anwendungen öffentlich dokumentiert.
Solche Installationen liefern Daten, die sich im Entwicklungslabor nur schwer gewinnen lassen. Sie zeigen, welche Kartonformen Probleme verursachen, welche Teile besonders häufig gewartet werden müssen und wann der gesamte Entladeprozess ins Stocken gerät.
Für deutsche Logistikunternehmen ist diese Erfahrung besonders relevant. Bei stark schwankendem Sendungsaufkommen zählt neben der maximalen Leistung vor allem die verlässlich verfügbare Stundenkapazität.
Parallel beginnen Unternehmen wie ID Logistics und Terra Robotics, humanoide Systeme für einzelne Lageraufgaben zu erproben. Stretch zeigt eine andere Strategie: einen spezialisierten Roboter über mehrere Generationen für eine konkrete Arbeit verbessern.
Die 100.000 Betriebsstunden stammen aus der bisherigen Stretch-Flotte und nicht aus Tests der neuen Generation. Sie belegen eine erhebliche Erfahrung im Kundenbetrieb, aber nicht automatisch eine bestimmte Ausfallrate oder Rentabilität.
Die wichtigsten nächsten Kennzahlen sind deshalb die tatsächliche Verfügbarkeit von Stretch Gen 2, die Reparaturhäufigkeit und der durchschnittliche Kartondurchsatz unter realen Schichtbedingungen.
