Der Kontraktlogistiker ID Logistics und Terra Robotics wollen innerhalb der nächsten sechs Monate einen humanoiden Roboter unter realen Bedingungen in einem deutschen Logistikzentrum testen. Das gaben die Unternehmen am 2. November 2026 bekannt. Welcher Standort und welche konkrete Aufgabe dafür ausgewählt werden, steht noch nicht fest.
Die Partner arbeiten bereits seit dem vergangenen Jahr an der Automatisierung einfacher Sortieraufgaben. Dafür haben beide Unternehmen jeweils einen Unitree G1 EDU6 angeschafft. Die Roboter IDA und Heinz können nach Angaben der Unternehmen Kartons und Versandtaschen unterscheiden und mit ihren fünffingrigen Händen in unterschiedliche Behälter sortieren.
Die bisherige Demonstration fand in einer vorbereiteten Testumgebung statt. Mit dem angekündigten Lagerpilot soll nun untersucht werden, ob sich solche Fähigkeiten in bestehende Arbeitsprozesse übertragen lassen.
Zwei Unitree-Roboter lernen dieselbe Sortieraufgabe
IDA steht bei ID Logistics in Griesheim, Heinz bei Terra Robotics im nordrhein-westfälischen Löhne. Beide Systeme basieren auf dem Unitree G1 EDU6 und wurden gemeinsam für einen Sortierprozess programmiert.
Das Vorgehen hat einen praktischen Hintergrund. Die Entwicklungsteams arbeiten an unterschiedlichen Standorten. Durch die Verwendung vergleichbarer Hardware können sie neue Softwarestände testen und Fehler nachvollziehen, ohne einen Roboter ständig zwischen den Unternehmen transportieren zu müssen.
Im bisher gezeigten Ablauf erkennt der Roboter, ob ein Gegenstand ein Karton oder eine Versandtasche ist. Anschließend greift er das Objekt und legt es in den vorgesehenen Behälter.
Das klingt nach einer einfachen Lageraufgabe, verlangt aber mehrere aufeinander abgestimmte Fähigkeiten. Der Roboter muss den Gegenstand lokalisieren, seine Form erkennen, eine Greifbewegung planen und ihn kontrolliert ablegen.
Die beiden Unternehmen haben dafür konkrete technische Fortschritte gezeigt. Angaben zur Zahl der erfolgreichen Sortierungen, zur Bearbeitungszeit pro Objekt oder zum Anteil menschlicher Eingriffe fehlen jedoch.
Vier bis fünf Anwendungen für den ersten Lagertest
In den kommenden Wochen wollen ID Logistics und Terra Robotics vier bis fünf geeignete Arbeitsabläufe identifizieren. Denkbar sind Kommissionierung, Sortierung, Verpackung und andere wiederkehrende Tätigkeiten der Kontraktlogistik.
Für jeden Anwendungsfall sollen zunächst die technischen und betrieblichen Anforderungen festgelegt werden. Erst anschließend wird entschieden, welche Aufgabe und welches Robotermodell sich für den ersten Praxistest eignen.
Dabei steht nicht fest, dass erneut ein Unitree G1 eingesetzt wird. Terra Robotics arbeitet herstellerübergreifend und führt unter anderem Roboter von Unitree und UBTECH im Portfolio.
Die Auswahl soll sich nach der Aufgabe richten. Ein Roboter, der Pakete sortiert, benötigt beispielsweise andere Greif- und Bewegungsfähigkeiten als eine Maschine, die Waren aus Regalen entnimmt oder Behälter transportiert.
Die gemeinsame Pressemitteilung vom 2. November nennt einen Zeitraum von sechs Monaten für den ersten Test unter realen Betriebsbedingungen.
Warum ID Logistics keine universelle Roboterlösung erwartet
Robin Otto, CEO von ID Logistics Deutschland, spricht sich ausdrücklich für einen technologieoffenen Ansatz aus. Seiner Einschätzung nach werden in der Lagerlogistik unterschiedliche Robotertypen für unterschiedliche Aufgaben benötigt.
Das ist eine wichtige Einschränkung für den praktischen Einsatz humanoider Roboter. Nicht jede Tätigkeit im Lager erfordert eine menschenähnliche Maschine.
Für den Transport standardisierter Behälter können fahrerlose Transportsysteme oder autonome mobile Roboter wirtschaftlicher sein. Bei fest definierten Greifvorgängen kommen häufig stationäre Roboterarme infrage.
Humanoide Systeme könnten dort interessant werden, wo vorhandene Arbeitsplätze, Greifhöhen oder Handhabungsabläufe nur schwer für spezialisierte Automatisierung umgebaut werden können.
Ob diese Flexibilität die höheren Anforderungen an Steuerung, Sicherheit und Wartung rechtfertigt, lässt sich erst im Betrieb bewerten.
Die Partner wollen deshalb nicht sofort einen umfangreichen Einsatz beschließen, sondern zunächst ausgewählte Aufgaben in einem realen Lager prüfen.
Ein möglicher Einsatz im deutschen Standortnetz
ID Logistics betreibt nach eigenen Angaben weltweit 450 Logistikstandorte, davon 17 in Deutschland. Die Gruppe beschäftigt rund 55.000 Menschen und erzielte 2025 einen Umsatz von etwa 3,7 Milliarden Euro.
Diese Größe bietet grundsätzlich die Möglichkeit, erfolgreiche Anwendungen später auf andere Standorte zu übertragen. Ein entsprechender Rollout wurde jedoch noch nicht vereinbart.
Für den ersten Piloten sind vor allem die Integration in bestehende Abläufe und die Sicherheit im gemeinsamen Arbeitsbereich entscheidend. Ein Logistikzentrum enthält Verkehrswege, Förderanlagen, Menschen und wechselnde Waren.
Der Roboter muss unter diesen Bedingungen zuverlässig arbeiten, ohne andere Prozesse zu behindern. Ebenso wichtig ist die Frage, wer bei einem Fehler eingreifen muss und wie schnell der Betrieb wieder aufgenommen werden kann.
Erfahrungen mit der Übertragung von Roboterprogrammen zwischen Anlagen sammelt auch die deutsche Industrie. So arbeiten Schaeffler und Wandelbots an einer gemeinsamen Plattform für die Entwicklung und Wiederverwendung von Roboteranwendungen.
Bei ID Logistics geht es zunächst um einen wesentlich kleineren Schritt. Die Partner wollen herausfinden, welche einfachen Aufgaben ein humanoider Roboter tatsächlich übernehmen kann und welcher Aufwand dafür entsteht.
Entscheidend sind Durchsatz und menschliche Unterstützung
Die Unternehmen haben bislang weder den Durchsatz ihrer Sortierdemonstration noch die Kosten des geplanten Lagertests veröffentlicht.
Für die Bewertung eines möglichen späteren Einsatzes wären insbesondere erfolgreiche Sortierungen pro Stunde, Fehlerquote, Energieverbrauch, benötigte Eingriffe und die Verfügbarkeit über mehrere Schichten relevant.
Auch die Frage nach dem wirtschaftlichen Vergleich mit bestehender Lagertechnik bleibt offen.
Der angekündigte Pilot ist deshalb noch kein Nachweis für einen produktiven Robotereinsatz. Er kann aber erstmals zeigen, wie sich die bisherigen Sortierfähigkeiten unter den tatsächlichen Bedingungen eines deutschen Logistikstandorts verhalten.
